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Der Büffelgeist

Die ganz alten Leute berichten, daß einst eine Gruppe von Sioux mit ihren Familien weit entfernt vom nächsten Lager ihre Tipis errichtet hatte. Gewöhnlich war diese Stelle einer der besten Jagdplätze des Landes, doch in diesen Jahr wollten sich die Herden nicht einstellen. So herrschten bald Not und Hunger unter den Menschen, und besorgt sahen die Häuptlinge in die Zukunft. Nur die Kinder spielten wie immer außerhalb des Lagers und kümmerten sich nicht um die Sorgen der Eltern.An einer Stelle, an der früher einmal ein Tipi gestanden hatte, war eine Grasdecke bis auf den letzten Halm verschwunden. Hier spielten die Mädchen und stellten sich vor, wie sie in einen Tipi die Wirtschaft führten. Mit einen Mal war ein Junge unter ihnen, den sie nie zuvor gesehen hatten, auf jeden Fall gehörte er nicht zum Lager. Da gerade in einer der Spielfamilien ein Krieger fehlte, ernannten sie den fremden Jungen kurzerhand zu Familienvater und gaben ihm ein kleines Mädchen zur Frau. Drei Tage lang kam der Junge jeden Morgen an den Spielplatz und verschwand am Abend wieder. Am vierten Morgen jedoch brachte er Büffelfett und getrocknetes Büffelfleisch für seine Spielgefährten. Heimlich schnitt eines der Mädchen ein Stückchen Fleisch ab und nahm es mit zu ihrer Mutter. Sie erzählte ihr von den neuen Spielkameraden, der ihr Mann sei. Wie ein richtiger Krieger habe er Fleisch ins Tipi gebracht. Das hörte der Vater, der wußte, daß es im ganzen Lager nicht ein Stück Fleisch mehr gab, von Büffelflett ganz zu schweigen. Weit und breit aber lag die Prärie leer von Rauch und feuer, so konnte der Junge auch nicht aus einen benachbaren Lager gekommen sein. Daher trug er seiner Tochter auf, den fremden Jungen beim nächsten Mal festzuhalten und ihn heim ins Tipi zu bringen. Am nächsten Abend zog das kleine Mädchen den Spielkameraden mit ins Lager. Aber der Junge wehrte sich, und jedesmal stieß er dabei einen Laut aus, wie ihn die Büffelkälber von sich geben, wenn sie von den erwachsenen Tieren fort gestoßen werden. Als sie schließlich das Tipi erreicht hatten, gab der junge auf und sagte: "Gut, ich will mit dir zu deinen Vater gehen.
Aber zuvor müßt ihr Zedernholz und Salbei im Zelt verbrennen, damit der Menschengeruch daraus verschwindet."Als der fremde Junge das Tipi betrat, setzte ihn der Vater auf den ehrenplatz gegenüber dem Eingang. Dann legte er weiße Muscheln und Steinperlen vor den Gast. "Da ich das Mädchen geheiratet habe", begann der der fremde Junge zu sprechen, "will ich auch bei euch bleiben, bis ich zu den Meinen zurückkehre. "Denn das Annehmen der Geschenke und das Anbieten des Ehrenplatzes bezeichnen seit alters her den Bräutigam. Nicht lange danach ging der Junge eines Morgens aus dem Lager, und die anderen sahen plötzlich ein Büffelkalb fortlaufen. In der Ferne beobachteten sie auch eine Bisonkuh, die das Kalb zärtlich beleckte. Da wußten sie, daß ihr Gast kein gewöhnlicher Junge war. Und auch der Vater war überzeugt, daß der neue Schwiegersohn dem ganzen Lager helfen würde. Niemand aber hörte, was die Mutter zu ihren sohn sagte, als dieser zu ihr zurück kehrte: "Ich weiß, daß du bei den Menschen gewesen bist und ein Mädchen geheiratet hast. Nun geh nach Norden und suche deinen Vater auf, um ihn diese Nachricht zu bringen. Erst aber wälze dich in diesen Sumpfloch. "Das Kalb wälzte sich in dem sumpfigen Wasserloch und stand gleich darauf als erwachsener Bulle da, mit blanken Hörnern und zottiger Mähne. Immer weiter nach Norden wanderte der Bisonbulle, stets auf der suche nach seinen vater. er wußte, wie dringend seine menschlichen Verwandten die Herden nötig hatten, um nicht zu verhungern. Schließlich traf er einen alten Büffel. "Enkel", redete dieser ihn an, "ich weiß wohl, daß du dich mit den Menschen eingelassen hast. Sie sind heimtückisch und selbstsüchtig, doch das ist deine Sache. Ich will dir von meiner Kraft geben, damit du mächtig wirst. "Darauf legte er seine Schnauze auf die des jungen Büffels und blies ihm seinen Atem ein. Dann fuhr er fort: "Deinen Vater findest du im Tipi der Zaubertrommel. Folge nur ihren Ruf. "So kam der Junge schließlich zum Lager der Büffel. Dort ging ein alter Bulle mit einer Halskette aus weißen Muscheln im Lager einher.
"Enkel", so redete er den Ankömmling an, "dein Vater erwartet dich. Folge daher den gesang der Trommeln. "Darauf rief er mit dröhnender Stimme: "Der Sohn von Büffel-der-Ausschau-hält ist angekommen! "Der Vater des Büffelkindes ahnte, was sein sohn von ihm wollte. "Ich weiß, daß du im Süden unter die Menschen gegangen bist. Daher mußt du für deinen Schwiegervater Fleisch beschaffen, wie es sich für einen Krieger gehört.
Zwei tage nach dem morgigen Tag werden wir bei deinen Verwandten eintreffen. Wir wollen Adlerfedern und roten Stoff und blaue Kriegsfarbe für unsere Dienste. Geh und melde uns an. "Da nahm der Sohn Abschied, um zu den Menschen zurückzukehren. Als die Menschen im Lager hörten, daß in drei 3 Tagen die herden erscheinen würden, waren sie voller Freude. Für den Schwiegersohn aber sammelten sie alle Geschenke, von denen er gesprochen hatte, legten sie in ein Tipi, das mitten im Lager satnd, und bereiteten sich auf die Jagd vor. Dann erschienen die Büffel im Lager, um ihr Versprechen einzuhalten, obgleich sie wußten, daß sie in den Tod gingen. Die Menschen aber schmückten die erlegten Tiere mit roten stoff, Adlerfedern und Muschelketten und rieben blaue Kriegsfarbe zwischen ihren Hörnern, um ihrerseits das gegebene Versprechen einzuhalten. Nachdem die Büffel erschlagen waren, sprach der Sohn des Büffel-der-Ausschau-hält: "Ich will euch jetzt verlassen, denn meine Verwandten liegen tot in euren Lager. Aber bis an euren Tod könnt ihr euch auf mich verlassen. Wenn im Abend eine kleine Büffelherde von Westen her ins Lager kommt, erlegt den Büffel mit den glänzenden Hörnern. Nehmt sein haupt und bewahrt es auf. Wenn der hunger durchs Lager zieht, erzählt dem toten Büffel eure Not, dann will ich kommen und euch helfen."Als der Abend sank, erschien eine kleine Herde von Büffeln im Lager, die aus der Sonne gekommen zu sein schien. Allen voran lief ein großer Bulle mit blanken Hörnern und zottiger Wolle. Die Menschen erlegten ihn, wie der Schwiegersohn es gewünscht hatte. Den mächtigen Kopf aber bewahrten sie in einen heiligen Tipi auf und behandelten ihn mit großer Ehrfurcht. Wenn der Hunger durch das Lager ging, dann streuten sie blaue Erde auf das heilige Haupt, beteten zu dem mächtigen Büffelgeist um Hilfe, und stets erschienen die Herden, um das Unglück abzuwenden.So erzählten die ganz alten Männer, die den heiligen Büffelkopf noch gesehen haben.

(aus dem Buch: Indianermärchen - erschienen als TB im Goldmannverlag)





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